Gunkel

URL: vvn-bda-lg.de/?2020_2___Rassismus

Mittwoch, 08.07.2020

Eine rassistische Gedankenwelt oder ein Einstehen für universal gültige Menschrechte?

   Unter diese Fragestellung lässt sich vielleicht eine Kontroverse subsummieren, die das interessierte Lüneburg derzeit bewegt - mit erheblicher Sprengkraft. Ihren Ausgangspunkt nahm dieser Konflikt in einer Mitteilung von Frau Marion Minks auf facebook, in der sie einen post/Aufsatz von Kian Kermanshahi mit dem Titel „Warum nicht alle Kulturen gleich sind“ positiv bewertete und weiterleitete.  Ihr Ehemann, Stefan Minks, schloss sich diesem Votum an, löschte diesen Eintrag aber nach einiger Zeit wieder. Das Brisante an diesen Persönlichkeiten: Beides sind bekannte SPD-Mitglieder in Lüneburg, Herr Minks wirkt als SPD-Ratsherr.
   Die Kontroverse nahm ihren Lauf: Vorwürfe des Rassismus wurden (halb-)öffentlich insbesondere gegenüber Frau Minks erhoben, die SPD-Ratsfraktion diskutierte Vorwürfe und Gegenrede, externe Schlichter wurden eingeschaltet, „Gutachter“ um eine Expertise bemüht.
   Ungeachtet der einzelnen Phasen dieser Kontroverse, über die zu berichten wir nicht autorisiert sind, halten wir es für wichtig und sinnvoll, die unterschiedlichen Positionen hier zu dokumentieren, soweit sie in schriftlicher Form vorliegen (Stand: 8.7.2020). Es handelt sich um den von Frau Minks geteilten Facebook-Post (Kian Kermanshahis Aufsatz „Warum nicht alle Kulturen gleich sind“), die Stellungnahme der Lüneburger VVN-BdA zu diesem Aufsatz und eine Erwiderung von Frau Minks an uns.
   Wir sind uns sicher, dass damit die Debatte nicht beendet sein wird und bemühen ins derzeit darum, trotz der Corona-Einschränkungen eine geeignete Form des öffentlichen Disputs zu finden.  Den Anfang machen wir hier.

 

 Ausgangspunkt der Auseinandersetzung: Der Blogbeitrag des Kian Kermanshahi

 

Zu den Inhalten dieses Textes nimmt die VVN-BdA-Lüneburg wie folgt Stellung

  Zusammenfassend dargestellt basieren die Aussagen des Textes auf einer rassistischen Gedankenwelt des Autors. „Kulturen“ sind seiner Ansicht nach nicht nur verschieden, sondern auch unterschiedlich wertvoll, wobei die europäische/westliche die überlegene sei, die es zu exportieren gilt. (Siehe hier besonders die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung unter 2)

Der Blick des Autors ist eurozentristisch1: „Was ‚Kultur‘ zu sein hat, wie sie zu bewerten ist, bestimmen wir!“ Er zeigt ein statisches Verständnis, berücksichtigt Veränderungsprozesse von Personen(-gruppen) in ihrem kulturellen Verhalten nicht, eben so wenig deren Determinanten.


   Der Autor zeigt einen rassistischen ethnopluralistischen Ansatz2, geht aber noch darüber hinaus, indem er nicht nur Rassen/Völker/Kulturen definiert, die ihr naturbedingt negatives Wesen nicht ändern können/wollen und deshalb „Abwehrmaßnahmen“ gegen deren Einwanderung/für deren Ausgrenzung zu fordern seien, sondern er verfolgt das Konzepts des Exports der eigenen, besseren Kultur in jene

Länder, die er als mindere Kultur ausgemacht hat.

   Es ist naheliegend, dass sich jemand, der diesen Text auf seinem Facebook-Blog teilt, damit für Weiterverbreitung sorgt und/oder diesen liket, mit dessen Inhalt und rassistischen Aussagen übereinstimmt.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Eurozentrismus: „Unter Eurozentrismus versteht man die ideologische Beurteilung inner- und außereuropäischer Gesellschaften nach europäischen Vorstellungen; demnach auf der Grundlage der von Europäern entwickelten Werte und Normen. Diese Wertvorstellungen, Kategorienbildungen und Überzeugungen nehmen im Eurozentrismus als Maßstab das alleinige Zentrum des Denkens und Handelns ein. In diesem Sinne umfasst der Begriff Eurozentrismus nicht nur das geografische Europa“, sondern die „westliche Welt“.

2 Eine Definition der sicherlich politisch unverdächtigen Bundeszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/230862/transkript-zum-ethnopluralismus: „Ethnopluralismus hört sich vielleicht harmlos an, ist aber auch rassistisch, nur dass nicht von Rassen die Rede ist. Das Konzept des Ethnopluralismus dient Rechtsextremen dazu, ihren Rassismus zu verschleiern und damit weniger angreifbar zu machen. Der Ethnopluralismus ist ein Konzept der sogenannten Neuen Rechten. Statt von verschiedenen Rassen sprechen diese jetzt von einer Völkervielfalt … Ethnopluralisten behaupten, dass Völker unveränderliche Eigenschaften hätten … Ethnopluralisten führen Unterschiede zwischen Menschen auf die verschiedenen Kulturen der Völker zurück … Rechtsextreme fordern, dass sich Kulturen auf keinen Fall vermischen sollten … Mit dieser Begründung wenden sich Ethnopluralisten zum Beispiel gegen Einwanderung

und Flüchtlinge.“

Im Einzelnen

Es handelt bei dem vorliegenden Text nicht um einen Debattenbeitrag zum Thema „Warum nicht alle Kulturen gleich sind“ sondern mehr um eine als Ansprache an einen internen Kreis Gleich- oder ähnlich Gesinnter. Dabei hält sich der Verfasser nicht an die von ihm als Standard westlicher Kultur hochgelobten Kriterien der Rationalität. Perspektiven und Begrifflichkeiten, insbesondere „Kultur, Religion, Nation“, werden munter durcheinanderwirbelt. Schließlich landet er bei der These, dass die Kulturen nicht nur verschieden oder unterschiedlich sind, sondern ungleich, darüber hinaus aber die muslimischen, arabischen, afrikanischen, jüdischen (die nicht-westliche) Kulturen minderwertig gegenüber der „westlichen Welt“ sind und deshalb auch nicht als gleichwertig behandelt werden dürfe.

Schon der Eingangssatz des Beitrages („Ich habe keine Angst auszusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich sind.“) lässt neben seiner nicht haltbaren These das Selbstverständnis des Autoren spüren, als jemanden, der sich damit hervortut, im Gegensatz zu anderen (die eben diese Angst verspüren) und allen Widerständen zum Trotz, diesen Mut aufzubringen sowas zu formulieren analog zum „besorgten Bürger“, der, umgeben von einer feindlichen Welt der Gutmenschen, endlich auch mal mit „Das darf man ja wohl mal sagen …“ und „Ich bin kein Rassist, aber …“ dagegenhält.

Im Folgenden warnt der Autor davor, „die Bedeutung der westlichen Kultur zu untergraben“. Diese Untergrabungsaktivität wird nach seiner Ansicht nicht entwickelt durch eine Infragestellung bestimmter Momente dieser westlichen Kultur von wem auch immer (an dieser hat er nichts zu kritisieren), sondern durch „die Absicht (einiger Kreise), die westlichen Werte allen anderen Kulturen gleichzustellen.“ Dieses sei ein Versuch, „die kulturellen Wettbewerbsbedingungen auszugleichen.“ Der Autor fordert hier einen kulturellen Wettkampf (synonyme Begriffe: Wettbewerb, Kampf, Krieg), der gewonnen werden müsse durch Dominanz.

Damit niemand auf den selbstverständlichen Gedanken kommt, an dieser Stelle das Postulat der Gleichheit der Kulturen (evtl. analog zur Gleichwertigkeit aller Menschen) als gedankliches, moralisches und politisches Ergebnis von Kolonialismus und Faschismus zu interpretieren, räumt der Autor zwar eine „Verlegenheit über die vergangene westliche Geschichte“ ein, spricht nebulös „unsere vergangenen Fehler“ an, ohne dies inhaltlich näher zu erläutern. Einige Kulturen außerhalb der westlichen Welt seien halt „destruktiv“, benötigen einer „dringender Verbesserung“. Leider, so der Autor weiter, werde es eine solche „Verbesserung“, eine Transformation dieser destruktiven Momente ins Konstruktive bei diesen Kulturen nicht geben können, denn:

„Manche Kulturen sind von Natur aus schlechter und manche sind besser.“ Unabhängig von Personal, Geschichte, Entwicklung, Geographie und Herrschaftsform: von Natur aus. Diese Natur sei bestimmend für die „systemischen Verwüstungen (durch) islamischen Ideen im Nahen Osten … und Afghanistan“ und zeige sich naturgesetzlich vorprogrammiert in „geistesarmen Glaubenssystemen“ in Afrika. Demgegenüber sei es wichtig, die Werte der westlichen Kultur „zu schätzen, … zu erhalten, … zu fördern“ und zu erkennen, dass diese „anderswo dringend gebraucht werden“. Diese „sind es sogar wert, exportiert zu werden … (Sie seien) exportwürdig.“

Im Folgenden rät der Autor „Es muss … freigestellt sein … zu bewerten.“) eine Bewertung der verschiedenen Kulturen „mit (einem) pragmatischen Blick", und zwar demselben, „mit dem wir z. B. auf Unternehmen schauen.“ Die vorgeschlagene, die Leser zunächst irritierende Analogie eines derart gleichen Blickes auf ein Unternehmen wie auf eine Kultur wird begründet mit ihrer Funktionalität: „Gute, vernünftige Geschäftspraktiken helfen Unternehmen, sich positiv nach vorn zu entwickeln, weil sie effektive Wege finden, Dinge zu entwickeln. Sie legen ab, was den Erfolg verhindern könnte.“ Unklar bleibt dabei: Was bedeutet „nach vorn … entwickeln“? Der Autor zeigt hier seine Gedankenwelt, wonach eine Kultur nach denselben Maßstäben zu funktionieren habe wie erfolgreiche Unternehmen als deren Kern. Das eine Kultur auch andere Perspektiven aufweisen könne als eine unternehmerische Profitmaximierung scheint für den Autor nicht denkbar.

Die Beispiele, die der Autor als „von Natur aus schlechtere“ Kulturen benennt, sind fortschritts- und rationalitätsfern. Um bei der Medizin zu bleiben: Nicht die Schamanen, die Inuit, die Japaner, die Aborigines oder viele andere benennt der Autor, um die „schlechte“ von der guten „westlichen“ Kultur zu unterscheiden (und zugleich jene abzuwerten), sondern die der Muslime und der Juden.

Warum er das macht, wird in den anschließenden letzten beiden Absätzen seiner Meinungsäußerung deutlich.  Hier fasst er nochmal zusammen, dass in der westlichen Kultur sich „bewährte Prinzipien und Wahrheiten“ durchgesetzt hätten, weil sie sich „an der Realität orientierten“. Die „westliche Welt (hat) grandiose Entwicklungen durchgemacht …, ihre Stammesreligion gebändigt, den Humanismus entwickelt und erstaunliche Menschenrechte entwickelt, die ihresgleichen suchen.“

Im Unterschied dazu würden sich die nicht-westlichen Kulturen (s. o.: Muslime, Juden, Afrikaner) auszeichnen durch einen „kulturell verankerten Missbrauch von Jungen, die tiefe Frauenverachtung, die Brutalität, mit der das Stammesrecht durchgesetzt“ werde. Man solle sich nicht täuschen lassen von schöner afghanischer Musik, großartigem Essen, bunten Trachten und herzergreifender Prosa: Jene Kultur „manifestiere … eine zivillose und archaische Gesellschaft“, die sie nach Meinung des Autors nicht ändern will und kann, wegen der (s. o.) naturgesetzlichen Determinierung.

 

Frau Minks erwidert unsere Stellungnahme mit folgenden Ausführungen

Sehr geehrter Herr Gunkel,
sehr gerne nehme ich Stellung zu dem Blogartikel von Kian Kermanshahi, den ich auf meiner FB-Seite geteilt habe und möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie deswegen auf mich zukommen. Sie sind bislang der Erste, der an einer inhaltlichen Debatte zum Thema Kulturrelativismus ernsthaft interessiert ist. Zunächst einmal möchte ich folgendes klarstellen: Mein Mann und ich, die wir seit über 25 Jahren aktive SPD-Mitglieder sind, verurteilen jede Form von Rassismus und Antisemitismus aufs Schärfste. Ferner distanzieren wir uns von jeder Form des Extremismus. Um die Vorwürfe gegen uns zu verstehen, müssen Sie wissen, dass es sich in seinem Ursprung um einen rein privaten Konflikt zwischen mir und Frau Antje Caic gehandelt hat. Frau Caic gehörte für kurze Zeit zu meinen FB-Kontakten. In einem Kommentar zu einem Beitrag über den Film „Nur eine Frau“,(eine Filmbiographie, die vom Leben der deutsch-kurdischen Berlinerin Hatun Sürücü handelt, die einem sogenannten Ehrenmord durch einen ihrer Brüder zum Opfer fiel) hat die diesen Film mit dem Nazipropagandafilm „Jud Süß“ gleichgesetzt. Dass sich ausgerechnet ein Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüneburg e.V. dazu hinreißen lässt, Nazipropaganda, die, wie wir alle wissen, Wegbereiter für den Holocaust war, zu verharmlosen und damit die ungeheuerlichen Gräueltaten der Nazis zu relativieren, hat mich tief erschüttert. Diese Auseinandersetzung war der Anlass, weswegen Frau Caics Sohn sich zu Verbalattacken auf meiner FB Seite hinreißen ließ.

   Nun zu dem Beitrag, der nach meiner Wahrnehmung aufgrund von Herrn Caics Behauptungen grob fehlinterpretiert wurde. Ich tausche mich seit einigen Monaten über FB mit Herrn Kermanshahi aus und habe auf diese Weise viel über sein Leben, seinen Werdegang und seine heutigen Ansichten erfahren. Herr Kermanshahi ist als Kind kurdischer Einwanderer in Berlin geboren und „islamisch“ sozialisiert. Er hat sich schon in jungen Jahren mit dem radikalen Schiitentum identifiziert und war in verschiedenen Berliner Moscheegemeinden aktiv, die vom Iran finanziert wurden und die sich inhaltlich die Ideologie der islamischen Revolution des Iran zu Eigen machten. Herr Kermanshahi wurde sogar Mitorganisator der antisemitischen und israelfeindlichen „Quds Demonstrationen“ (Jerusalem Tag) in Berlin. Mit anderen Worten: Er war ein islamistischer Extremist, der andere Menschen wegen ihres (fehlenden) Glaubens, ihrer „westlichen Dekadenz“ und ihrer Art zu leben verachtet hat. Ab 2014 begann Herr Kermanshahi, diese Ideologie mitsamt ihrer Glaubensdogmen zu hinterfragen. Nach einer längeren Phase des Zweifelns und Denkens hat er sich von seinen
extremistischen Ansichten und schlussendlich vom Islam abgewandt und bezeichnet sich nun als Ex-Muslim. 

   Heute ist es sein dringendes Bedürfnis, Aufklärungsarbeit bezüglich des politischen Islam zu leisten und Nicht-Muslimen Innenansichten in eine Geisteswelt zu gewähren, die diesen sonst verschlossen bleibt. Herr Kermanshahi hat sich also aus eigener Kraft aus einer totalitären Geisteswelt befreit und seine Kritik richtet sich ausnahmslos gegen seine eigene Herkunftskultur bzw -Religion, die er im Nachhinein als vereinnahmend in allen Lebensbereichen empfunden hat. Auch wenn ich nicht alle seiner Ansichte teile, zolle ich ihm für diesen bedeutenden Schritt Respekt. In seiner Intention könnte man ihn durchaus mit dem Kirchenkritiker Karlheinz Deschner vergleichen, der ein ähnlich vernichtendes Bild vom Katholizismus gezeichnet hat und der, wie auch Herr Kermanshahi vom Naturell her zu Extremen neigte. Doch niemand würde Karheinz Deschner wegen seiner Religionskritik als Rassisten bezeichnen. Es gibt jedoch einen großen, und in dem Zusammenhang wichtigen, Unterschied zwischen Deschner und Kermanshahi: Herr Kermanshahi ist kein Akademiker, sondern Autodidakt. Seine Ausdrucksweise ist dementsprechend ungeschliffen und er wirft viel zu oft die Begriffe Kultur, Religion und Nation durcheinander. Allein aus diesem Grund lässt sich sein Text also nicht mit wissenschaftlichen Publikationen zu dem Thema „Kulturrelativismus“ vergleichen. Diesen Anspruch hat Herr Kermanshahi auch nicht. Viel mehr ist es seine Absicht zu provozieren und dadurch sein Gegenüber zum Nachdenken zu bewegen.

   Da ich also Herrn Kermanshahis Hintergrund und auch sein heutiges Menschenbild kenne, bin ich tief bestürzt, dass dieser Blogartikel von ihm derartige Missverständnisse hervorruft, die die Aussage des Textes komplett in sein Gegenteil verkehren. Um die Vorwürfe gegen Herrn Kermanshahi zu entkräften, muss man zunächst einmal feststellen, dass der Begriff Kultur in diesem Artikel neben Kunst und Wissenschaft, auch Traditionen, das jeweilige Gesellschaftssystem und eine Werteordnung, die sich in der Rechtsauffassung niederschlägt, umfasst. Dies zu benennen hat Herr Kermanshahi unterlassen, er hat vielmehr diese Annahme bei den Adressaten des Artikels vorausgesetzt. In Folge dessen hat er diese einzelnen Bereiche in seiner Argumentation zwar nicht deutlich voneinander abgegrenzt. Dass er dennoch verschiedene Bereiche von Kulturen differenziert, wenn er Vergleiche anstellt, erkennt man an den angeführten Zitaten: „...wenn ich von “westlicher Kultur” spreche, meine ich nicht zwingend Folklore und die gestandenen Traditionen, sondern die aus ihre hervorgegangenen Geisteswissenschaften, die positive Philosophie, die Rechts und Zivilwissenschaft usw.“ „Während jede Kultur ihre eigene Schönheit haben kann, sind nicht alle kulturellen Praktiken der Erhaltung wert.“ „...ist es daher besonders richtig, das zu schätzen, was in unserer Kultur einen echten Wert hat. In der Tat sollten diese Aspekte nicht nur erhalten, sondern gefördert werden. Es gibt sogar Teile unseres kulturellen Systems, die anderswo dringend gebraucht werden.“Es geht in dem betreffenden Blogartikel immer um verschiedene Aspekte/Bereiche der jeweiligen Kulturen die entwickelt werden können, und nicht darum, bestimmte Kulturen
von vornherein abzuwerten.

   Das, woran Sie sich, wie auch andere Leser, gestoßen haben, war vermutlich die durchaus missverständliche Formulierung, die der Autor besser nicht gewählt hätte: „Manche Kulturen sind von Natur aus schlechter und manche sind besser.“ Dass Herr Kermanshahi dabei weder rassistisches Gedankengut transportiert, noch die Theorie des Ethnopluralismus vertritt, wird nach meiner Auffassung beim Lesen schnell klar. Ethnopluralismus ist ein Weltbild der Neuen Rechten, die die kulturelle „Reinhaltung“ von Staaten und Gesellschaften nach Ethnien anstreben. Um den Begriff „Rasse“ zu vermeiden, bezieht sich die Neue Rechte nicht auf die biologische Abstammung von Menschen, sondern auf die Zugehörigkeit eines jeden Individuums zu einer Kultur, in die man hineingeboren wird. Fremde kulturelle Einflüsse werden als Gefährdung der eigenen Identität abgelehnt. Das Wesentliche und nach meiner Auffassung absolut verwerfliche an dieser Ideologie ist jedoch die Annahme, dass die Menschenrechte allein als Ausdruck westlichen Denkens aufgefasst werden und somit keine universelle Gültigkeit haben. Dies bedeutet in letzter Konsequenz, dass Menschen, auch im Geltungsbereich einer bestimmten Rechtsordnung, nicht automatisch gleichberechtigt sind, sondern dass das Recht des jeweiligen Kulturkreises gilt.

   Im Gegensatz dazu steht ein humanistisches Menschenbild, das jedem Individuum allein aufgrund seines Menschseins eine Reihe von individuellen Rechten zugesteht. Diese Menschenrechte sind universell gültig und unveräußerlich. Das humanistische Weltbild gesteht außerdem jedem Menschen die Fähigkeit zu, Erlerntes und Anerzogenes zu hinterfragen, sich weiterzuentwickeln und sich zu verändern. Genau darauf zielt der Text von Herrn Kermanshahi ab: „Das heißt, die kulturellen Elemente, die für Geistesfreiheit, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und Wohlstand verantwortlich sind, sind es sogar wert, exportiert zu werden. Diese Dinge sind in der Tat Exportwürdig und für niemanden schlecht, der seine Nation verbessern möchte.“

   „Es muss uns freigestellt sein, Kulturen mit demselben pragmatischen Blick zu bewerten, mit denen wir zb auf Unternehmen schauen. Gute vernünftige Geschäftspraktiken helfen Unternehmen, sich positiv nach vorne zu entwickeln, weil sie effektivere Wege finden, Dinge anzugehen. Sie legen ab, was den Erfolg verhindern könnte.“ „Kultur hat keinen Wert, nur weil sie uralt ist. Vernünftige Menschen respektieren, was funktioniert, weil es zu Ergebnissen führt, die wir als besser anerkennen.“ Damit drückt der Autor auch ganz klar aus, dass alle Kulturen veränderungsfähig sind. Natürlich hätte kein Ethnologe oder Soziologe Kulturen mit Unternehmen gleichgesetzt, dennoch taugt diese Vereinfachung, um das Gemeinte zu verdeutlichen: Veränderungen sollen dem Wohle aller dienen. Dass diese Verbesserungen direkt auf Werte wie Toleranz, Gleichberechtigung, Meinungsund Religionsfreiheit abzielen, wird an mehreren Stellen deutlich: „Die Besonderheit der westlichen Zivilisation, wurzelt in bewährten Prinzipien und Wahrheiten, die fest in der Realität verankert sind. Man hat sich weitgehendst von allen kulturellen Praktiken distanziert, die eine Gesellschaft in Ignoranz und Apathie gefangen gehalten haben. die Kultur, die Frauen und Kinderfeindlich waren, wurde aufgegeben, die Kultur, die auf der Diskriminierung des Standes abzielten oder die Menschen wegen ihrer Überzeugungen diskriminierten, wurden aufgegeben, stattdessen hat die westliche Welt, grandiose Entwicklungen durchgemacht. Sie hat ihre Stammesreligion gebändigt, den Humanismus entwickelt und erstaunliche Menschenrechte definiert, die ihres gleichen
suchen.“

   Auch kann man Herrn Kermanshahi keinen Kulturchauvinismus vorwerfen, da er ausdrücklich betont: „Wir können Kulturen respektieren, die anderen gehören, ohne den gesunden Menschenverstand über sie abzulegen. Vermeidet blinde Arroganz um jeden Preis, seid nicht Chauvinistisch oder überheblich, aber nehmt niemals an, dass alle Kulturen gleich sind.“ Es mag uns als Westeuropäer zunächst befremden, wenn Herr Kermanshahi seine eigene Kultur bzw seine Herkunftsreligion als „bedrückend und rückständig“ (Siehe die ignorante Installierung von rückwärtsgewandten islamischen Ideen im Nahen Osten nach dem arabischen Frühling) beschreibt, für „systematische Verwüstungen ...(Siehe Afghanistan, Jemen usw.. )“ verantwortlich macht, wenn er vorbringt, dass Nationen „unter dem Gewicht geistesarmer Glaubenssysteme leiden. Ein solches Beispiel ist deutlich an Afrika zu sehen. Eine Exkursion nach Afrika reicht aus, um die düstere Realität der „wo die Kultur schief gelaufen ist“, aufzuzeigen.“Bei Letzterem hat der Autor es versäumt, ausdrücklich auf die in Afrika verbreitete Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung hinzuweisen, die damit gemeint war. Es irritiert jeden toleranten Menschen zunächst, wenn der Autor „über die barbarischen Sitten, des kulturell verankerten Missbrauchs von Jungen, die tiefe Frauenverachtung, die Brutalität, mit der das Stammesrecht durchgesetzt wird usw.“ in Afghanistan schreibt und Gesellschaften als „zivillos und archaisch“ bezeichnet. Man mag sich daran stoßen. Allerdings wäre es ebenfalls chauvinistisch, wenn man Herrn Kermanshahi das Recht abspräche, über seine Ursprungskultur zu urteilen, so wie wir als Deutsche zB über unsere eigene nationalsozialistische Vergangenheit urteilen.
Herrn Kermanshahis Ablehnung von „regressiven Linken“ gründet sich vor allem darauf, dass besonders in diesem politischen Spektrum der von ihm beklagte Kulturrelativismus als Gegenmodell zum Ethnopluralismus verstanden wird.

   Diese Problematik beschreibt Armin Pfahl-Traughber in seinem jüngsten Artikel in der „haGalil. Com - jüdisches Leben online“ besser, als ich es mit eigenen Worten ausdrücken kann: „Ausweitung und Eingrenzung des Rassismusverständnisses - Eine Kritik an einem neuen Menschenrechtsrelativismus“ „...Während nun aber Bestandteile von Kulturen durch menschliche Praktiken zustande kommen, wären Eigenschaften von „Rassen“ immer durch natürliche Vorgaben bedingt. Insofern könnten solche nur durch biologistische Auffassungen kritisiert werden, was auf einen klassischen Rassismus hinauslaufen würde. Dies ist aber nicht notwendigerweise der Fall, wenn in einer bestimmten Menschengruppe spezifische Wertvorstellungen als kritikwürdig gelten. So können etwa Frauendiskriminierung und Homosexuellenfeindlichkeit in bestimmten Kulturen als Menschenrechtsverletzungen verurteilt werden, was eben keine Form von „Kulturrassismus“ wäre. Eine derartige Auffassung geht davon aus, dass es kulturübergreifende und universelle Werte gibt. Damit lehnt man einen „Kulturrelativismus“ ab, der unter dem Motto „Andere Länder, andere Sitten“ problematische Wertvorstellungen verharmlost. Demgegenüber werden auch bezogen auf alle Gruppen oder Kulturen individuelle Rechte und Würde in den Vordergrund gestellt.

   Indessen gilt diese Auffassung für einen Bereich der Rassismusforschung mittlerweile selbst als „kulturrassistisch“ oder „rassistisch“. Derartige Deutungen lassen sich zumindest bei der Diskussion über den Islam und die Muslime ausmachen, besteht beidem gegenüber doch eine erkennbare Feindschaft nicht nur in der deutschen Gesellschaft. Dafür stehen Angriffe auf Einrichtungen wie Moscheen, Beleidigungen von Frauen mit Kopftüchern, Benachteiligungen aufgrund von Kleidungswahl, Einstellungen mit Hass und Ressentiment, Gewalthandlungen wie Körperverletzungen oder Sachbeschädigungen oder Herabwürdigungen aufgrund von Terrorismus-Verdächtigungen. Es handelt sich eindeutig um Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, auch wenn hier kein biologistischer Rassismus ausgemacht werden kann. Diese Einsicht bedeutet indessen nicht, dass gegenüber dem Islam oder den Muslimen keine kritische Position eingenommen werden könnte. Denn es kommt dabei auf den inhaltlichen Ausgangspunkt und die möglichen Folgen des konkret Gemeinten an.

   So besteht eine grundlegende Differenz zwischen einer aufklärerisch-humanistischen Islamkritik und einer fremdenfeindlich-hetzerischen Muslimenfeindlichkeit. Im ersten Fall wird eine differenzierte Kritik aus menschenrechtlicher und wissenschaftlicher Perspektive vorgetragen, im zweiten Fall geht es um pauschale Herabwürdigungen mit demütigender und verletzender Wirkung. Betrachtet man nun aber die Diskussion zum Thema, so lässt sich eine Gleichsetzung beider Positionen konstatieren. Wenn etwa das Bild von Frauen und Homosexuellen in muslimischen Kontexten kritisiert wird, gilt dies manchen Betrachtern schon als Indiz für „Kulturrassismus“. Dies führt dann dazu, dass Frauenrechtlerinnen mit Rechtsextremisten auf die gleiche Stufe gestellt werden. Betroffen sind davon mittlerweile auch liberale Muslime, die für Reformen im Religionsverständnis plädieren. Alle kritischen Auffassungen gelten dann pauschal als Formen von „Islamophobie“ und „antimuslimischem Rassismus“, was auf eine Immunisierung gegenüber Kritik an Missständen hinausläuft. Und genau dies macht die Ausweitung des Rassismusverständnisses so problematisch, geht damit doch in mehrfacher Hinsicht ein Menschenrechtsrelativismus einher. Dazu sei daran erinnert, dass es sich um individuelle Rechte handelt, welche Diskriminierungsverbote wie Meinungsfreiheit einschließen. Und außerdem sind Menschenrechte kulturübergreifend und universalistisch. Demgegenüber heißt es, dass eine aufklärerischmenschenrechtliche Islamkritik für eine Position stehe, „die ihre eigene Zugehörigkeit als überlegen setzt“ (Iman Attia). Diese Denkweise läuft darauf hinaus, die Berufung auf Menschenrechte selbstunter Rassismusverdacht zu stellen. Und so erklären sich auch die Gleichsetzungen, die bezogen auf Frauenrechtlerinnen und Religionskritiker mit Muslimenfeinden und Rechtsextremisten vorgenommen werden. Die Folge davon ist, dass gegenüber den gemeinten Gruppen und Kulturen menschenrechtliche Probleme nicht mehr angesprochen werden können. Denn die kritisierten Erscheinungsformen gelten als den Kollektiven eigene Wertvorstellungen.“
(Der Link zum vollständigen Artikel)
https://www.hagalil.com/2020/05/menschenrechtsrelativismus/?fbclid=IwAR0ROy7Jsq0HfwLFpnsohfnvLAibYMWpME_bV9jR4Wg39EKpMflgSQFEw


   Zusammenfassend kann ich sagen, dass sowohl Herr Kermanshahi als auch ich Kulturrelativismus nicht deshalb ablehnen, weil wir die Kulturen der westlichen Welt als „höherwertig“ im Vergleich zu allen anderen ansehen, sondern weil wir annehmen, dass mit dieser Haltung eine Relativierung der Menschenrechte einhergeht. Bei der Betrachtung von Kulturen/Traditionen oder Gesellschaftssystemen sollte man sich immer die Frage stellen, welchen Stellenwert Freiheits- und Menschenrechte haben. Das bedeutet, alle Kulturen oder Traditionen, die die universelle Gültigkeit der Menschenrechte in Teilen oder in Gänze ablehnen, können nicht gleichberechtigt neben jenen Kulturen stehen, die sich im Wesentlichen auf Freiheits- und Menschenrechte gründen. Gerade als Deutsche fühle ich mich im Angesicht unserer Geschichte verpflichtet, diese Rechte gegen alle Angriffe zu verteidigen.

Nun hoffe ich, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe, dieses Missverständnis
auszuräumen.

Sollten Sie an einem weiterführenden Austausch Interesse haben, stehe ich Ihnen gerne
jederzeit zur Verfügung.
Herzliche Grüße,
Marion Minks

 pa/pg