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Die folgenden Texte wurden uns freundlicherweise  von Dr. Gebhardt Weiss, ehemaliger deutscher Botschafter in Minsk zur, Verfügung gestellt:

„Traditionsverband oder Veteranenverband“

  1. Quellenkritisch nicht begründbare Terminologie: „Veteranenverband“ entspricht weder der gemäß dem Nachkriegstrend gewählten Namensgebung (überwiegend „Traditionsverband“ gebräuchlich) dieser Vereinigung von Überlebenden der ehemaligen 110.I.D. (in deren Publikationen wurde bis in die 80er Jahre konsequent nur „Traditionsverband“ verwendet), noch der entsprechend seitens der Stadt Lüneburg im Jahre 1960 bewusst gebrauchten, vor allem rechtlich und faktisch korrekten Formulierung „Traditionsverband der ehemaligen 110.I.D.“.

 

  1. Problematische deutsche Begriffsgeschichte: In Deutschland war der Begriff „Veteranen“ insbesondere seit dem Krieg 1870/71 mit ehrenvoller Assoziation auch über den 1.WK hinaus bis in die Weimarer Zeit hinein positiv gebräuchlich. Während der Nazizeit verpönt bzw. verboten, wurde er auch nach dem 2.WK nicht für die Erinnerungs- bzw. Verdrängungskultur im Sinne einer mehrheitlich akzeptierten Terminologie verwendet. So waren Veteranenvereine sozialdemokratischer oder jüdischer Teilnehmer des 1.WK, z.B. im „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“, unter dem Nationalsozialismus verboten worden. In der traumatisierten Nachkriegsphase wurden sie weder in den vier Besatzungs-zonen noch anschließend in den beiden deutschen Staaten rehabilitiert.

 

  1. Warum im westlichen Nachkriegsdeutschland eher „Traditionsverband“? Stattdessen überwog in Westdeutschland nach dem 2.WK bei den SS-Kameradschaftsverbänden (siehe z.B. bis 1992 „Traditionsverband HIAG“ der ehemaligen SS) und denjenigen der Wehrmacht vereinsrechtlich der Begriff „Traditionsverband“. Dies diente nicht nur einem ideellen Selbstbehauptungs-bezug auf die zurückliegenden (nationalsozialistisch geprägten!) Ziele, Aufträge und militärischen Verhaltensweisen, die positiv in die Nachkriegsgegenwart „tradiert“ und in Ehren gehalten werden sollten. Sondern ein weiteres Ziel war die Öffnung für Sympathisanten und Unterstützer außerhalb der engeren Frontkameradschaft, um den Verein auch mitgliedermäßig und somit in seiner Wirkung nach außen zu stärken. Dies hatte praktische Bedeutung vor allem im Falle von im Kriege zerschlagenen Verbänden, bei denen ein exklusiver Veteranenverband für Frontkämpfer nur kleinere Mitgliederzahlen erreicht hätte. Zudem erleichterte es diese Konstruktion, Honoratioren verschiedener politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stellungen über Ehrenmitgliedschaften vorteilsbringend einzubeziehen (wie war das ggf. in Lüneburg?). Demgegenüber waren in der sowjetischen Besatzungszone und anschließend in der DDR entsprechende Vereinigungen und damit auch die Begriffe „Traditionsverband“ oder „Veteranenverband“ verboten. Mit dem Verbot des ersten Begriffs sollte die Assoziation einer positiven „Tradierung“ des gerade Zurückliegenden ausgeschlossen werden. Der Begriff „Veteran“ bzw. „Veteranenverband“ hingegen blieb in der DDR im Sinne eines politisch-ideologischen Ehrenbegriffs nach sowjetischer Vorbildnorm dem siegreichen sowjetischen Frontkämpfer und Befreier vorbehalten. In den sechziger Jahren folgte in Westdeutschland mit dem Aufbau der Bundeswehr eine neue Inhaltsschicht, die durch widersprüchliche Bemühungen um eine Traditions-pflege geprägt war und dabei häufig die seit dem Kriegsende entstandenen älteren Traditionsverbände einbezog. Nach Herstellung der Deutschen Einheit kamen in Ostdeutschland spezielle, vergangenheitsbezogene Traditions-verbände auf – initiiert vor allem durch entlassene  ehemalige NVA-Angehörige. Bis heute ist deren Ziel ein auch im vereinten Deutschland zu verteidigender, traditionell sozialistisch ideologisierter Ehrenbezug auf die zurückliegenden militärischen Traditionen, Aufträge und Einsätze für die untergegangene DDR.

   

  1. Neue begriffliche Dimension: Im Umfeld solcher schon in der Nachkriegszeit rechtsnational besetzter bzw. allmählich auch inhaltlich neu befüllter Begrifflich-keiten ist in den letzten Jahren eine zusätzliche Diskussion um die gesell-schaftliche Würdigung von Teilnehmern und Opfern von Bundeswehreinsätzen im Ausland entstanden. Die innere und äußere Wahrnehmung einer „Normalisierung“ Deutschlands erfasst - als nicht nur für den Fußball wichtiger Realprozess - immer mehr auch die militärische Traditionspflege. Begriffe wie Veteranenverband und Traditionsverband geraten entweder mit zeitbedingt neuem Verständnis in die aktuelle politische und gesellschaftliche Diskussion oder sind immer offensiveren Versuchen einer rechtsnationalen und revisionistischen inhaltlichen Befüllung ausgesetzt. Dabei spielt die teilweise revisionistische Absicht eine Rolle, auch einer militärgeschichtlich relevanten Erinnerungskultur eine „normale“ nationale Ausrichtung wie in anderen Ländern zu geben. Die in „normalen“ Ländern national-positiv besetzten Begriffe wie Veteranen, Veteranenverband spielen hierbei eine auf den ersten Blick nicht sofort erkennbare Rolle.

    

  1. Versuch rechtsnationaler Begriffsbesetzung: Die AfD hat unter professionellem Einsatz eines sprachlichen „Framings“ (analytischer Begriff der neurolinguistisch gestützten sprachlichen Einflussnahme) schon seit längerem versucht, auf diese Diskussion u.a. mit parlamentarischen Schritten Einfluss zu nehmen und sie im Sinne einer rechtsnationalen Erinnerungskultur auszurichten. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die „Kleine Anfrage der AfD (Weidel, Gauland und Fraktion) im Bundestag vom 17. Juli 2018, in der die Bundesregierung u.a. unter Ziffer 4. gefragt wird: „Wie definiert die Bundesregierung den Begriff „Veteran“?  Eigentliches Ziel dieser Anfrage ist, auch an Hand der militärischen Erinnerungskultur nachzuweisen, dass sich die derzeitige Bundesregierung einer nationalen „Normalisierung“ der inneren Lage Deutschlands und seiner internationalen Stellung entgegenstellt.

  

  1. Aktuelle Linie der Bundesregierung: Die Bundesregierung hat diese Strategie schon länger durchschaut, macht terminologisch entschlossen dicht und antwortet am 07.08.2018: Die Bundesregierung nutzt diesen Begriff nicht. Denn es gibt keine entsprechende Tradition in Deutschland“. Die Gründe für diese in der deutschen Öffentlichkeit kaum bemerkte apodiktische Reaktion liegen offenbar in der Einschätzung, dass bei Begriffen wie „Veteranen“ oder „Veteranenverband“ ein zwar politisch noch nicht eindeutig kalkulierbarer, aber potenziell gefährlicher Begriffsfüllungsprozess in Gang gekommen ist.

 

  1. Vorsicht bei Begriffen zur Erinnerungskultur in Lüneburg: Diese kritische Einschätzung der Bundesregierung zu rechtsnationalen Versuchen, die genannten Begriffe als Vehikel für die „normalisierende“ Belebung zunächst einer vornationalsozialistischen Ehrenassoziation zu nutzen, sollte auch die Befürworter des derzeitigen Interimstextes zum 110.I.D.-Gedenkstein aufhorchen lassen. Sie sollten sich der Schlussfolgerung öffnen, dass ein solcher Begriffsgebrauch, auch wenn dies in Lüneburg nicht die damit verbundene Absicht ist, eine u.U. rechtsextrem nutzbare Auswirkung auf eine anschließende revisionistische Befüllung des nach dem 2.WK vermiedenen Terminologie-Gebrauchs haben könnte.

 

  1. Assoziative Wirkung im Zusammenhang der 110.I.D.: Mit der Terminologie „Veteranenverband“ wird durch den neu aufwachsenden Sprachgebrauch u.a. der rechtsnationale Versuch zur Wiederbelebung einer Ehren-Assoziation „mitgeführt“, die im Zusammenhang der 110.I.D. wegen deren Kriegsverbrechen nicht zulässig ist. Diese Terminologie ist insofern, abgesehen von ihren quellenkritischen Mängeln (Ziffer 1.), nicht kohärent zum kritisch aufklärenden Inhalt (Ozaritchi) des Infotextes und zugleich potenziell gefährlich für ein unterbewusstes Fehlverständnis nachwachsender Generationen. Der Begriff „Traditionsverband“ ist daher nicht nur quellenkritisch auch heute zu bevorzugen. Denn er lässt auf der rein sprachlichen Ebene auch im heutigen Verständnis keine Täuschung zu, um welchen politisch zu „tradierenden“ Geist es dieser Vereinigung von Überlebenden der ehemaligen 110.I.D. im Kern ging. Denn neben Kameradschaftspflege und gegenseitig helfender Solidarität war für sie bzw. ihren Initiatoren der Ehrenbezug auf den soldatischen Einsatz in einem rassistischen Angriffs- und Vernichtungskrieg und eine rechtsnationale Distanzierung gegenüber dem Teilstaat Bundesrepublik Deutschland und deren neuen Verfassung entscheidend.

 

G.W. – 10/2018

Aktuelles


Rechte Netzwerke in Bundeswehr, Polizei und Behörden
Die Zeitschrift Telepolis fasst die aktuelle Situation treffend zusammen und beschreibt ein bedrohliches Szenario:

Zur Arbeit der Planungsgruppe für die Diskussionen um die Lüneburger Gedenkkultur
Die Planungsgruppe wird geleitet von Frau Dr. Düselder. Die Mitglieder der Gruppe bereiten die inhaltliche, organisatorische und personelle Arbeit im Rahmen der Neuausrichtung der Lüneburger Gedenkkultur vor. Dabei hatte sich das Gremium u.a. auf den Historiker Johannes Heer als vortragenden Fachmann im sogenannten Symposium geeinigt. Herr Raykowski von der VVN-BdA wurde gebeten, ihn einzuladen. Nachdem J. Heer seine Teilnahme bestätigt hatte, wurde er von Frau Dr. Düselder ohne Rücksprache mit den Mitgliedern der Planungsgruppe mit nicht nachvollziehbaren Begründungen wieder ausgeladen. Im Folgenden veröffentlichen wir den Brief, den wir in diesem Zusammenhang an die Leiterin der Planungsgruppe geschrieben haben, um zu verdeutlichen, dass augenscheinlich die inhaltliche Diskussion zum Thema von vornherein in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll.
                                                                          zum Brief

     So lief das Bürgerforum zur Lüneburger Gedenkkultur

Im Rahmen des Organisationsformats "Worldcafé" diskutierten ungefähr 80 BürgerInnen zur Gedenkkultur in Lüneburg.

                          weiterlesen            Fotos


Kritik am neuen Text auf der Gedenktafel für die 110.ID in Lüneburg

Dazu Texte

von    VVN-BdA-Lüneburg

 

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