Mehr03

Fortsetzung zum Besuch der Zeitzeuginnen aus Belarus

Am Freitag, d. 11. August kam um 9:00 Uhr eine Gruppe Frauen aus der Republik Weißrussland mit dem Zug aus Göttingen am Lüneburger Bahnhof an. Die sechs Frauen sind z.Z. Gäste des in Freiburg ansässigen Maximilian-Kolbe-Werks und halten sich für drei Wochen in einem Ferienheim in Duderstadt auf. Eingeladen zu diesem zweitägigen Lüneburg-Abstecher sind sie zusammen mit zwei Begleiterinnen von der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes BdA“ und des Arbeitskreises Gedenkkultur.

Diese sechs Frauen im Alter zwischen 75 und 81 Jahren haben als Kinder eines der schwersten Kriegsverbrechen überlebt, das die deutsche Wehrmacht im März 1944 an der weißrussischen Zivilbevölkerung verübte. Dabei verloren sie jeweils fast die ganze Familie und mussten ihre Kindheit in Waisenhäusern verbringen. Sie wurden zusammen mit beinahe 50 000 anderen Menschen aus der Gegend um die weißrussische Ortschaft Ozarichi  in verschiedene Zwischenlager deportiert und  von dort aus auf einem  „Todesmarsch“ in zentrale Lager getrieben, in denen sie ohne jegliche Verpflegung, Sanitäreinrichtungen und Unterkünfte interniert blieben. Es waren vor allem alte Menschen, Frauen mit Kindern und an Fleckfieber Erkrankte, die als lebendes Schild den Vormarsch der Roten Armee aufhalten sollten. An diesem Kriegsverbrechen, das ca. 10 000 Todesopfer forderte, war auch die 110. Infanterie Division maßgeblich beteiligt, die ab 1940/41 in Lüneburg und im Raum Lüneburg aufgestellt worden war.

    Am 10.10.1960 ließen ehemalige Angehörige der 110. Inf. Div. ein „Ehrenmal“ am Springintgut errichten und übergaben es in die Obhut der Stadt. Bis in die 1990er Jahre hinein versammelten sich an diesem Ort regelmäßig ehemalige Wehrmachtsangehörige zu „Helden-Gedenkveranstaltungen“, die von Vertretern aus Politik, Kirche und Gesellschaft, sowie der Bundeswehr unterstützt wurden. Die Verbrechen der Militäreinheit hingegen wurden verleugnet. Noch heute wird der „110er-Stein“ vom Grünflächenamt der Stadt gepflegt.

    Zum Besuchsprogramm gehörte ein Empfang am Freitag um 11:30 Uhr im Lüneburger Rathaus durch den Bürgermeister Dr. Scharf. Ab 15:30 Uhr fand im Kunstraum der Universität auf dem ehemaligen Gelände der Scharnhorstkaserne ein Gespräch mit Mitgliedern der Uni-Leitung und Vertretern der Studierenden statt. Nach einem Abendessen gab es ab 19:30 Uhr eine öffentlichen Begegnung mit den Ozarichi-Überlebenden im Hotel Stadtgespräch Am Sande für Interessierte. Die Frauen aus Belarus wünschen sich, dass Menschen in Deutschland „… authentisch und nicht nur aus Büchern erfahren, was ihnen damals in ihrer Heimat angetan wurde.“

    Am Samstag wurde der Besuch mit einem touristischen Programm mit Kutschfahrt und Besuch im Kloster Lüne fortgesetzt. Danach hieß es dann Spasibo und Do swidanja – Danke und auf Wiedersehen - als die sechs Zeitzeuginnen um 14:29 Uhr den Zug zurück in Richtung Duderstadt bestiegen.  

Fazit:

    Wir sind dankbar, dass die Überlebenden diese strapaziöse Reise nach Deutschland und Lüneburg auf sich genommen haben, als Geste der Versöhnung. Es ist zu hoffen, dass dieser Besuch und insbesondere der Empfang des Bürgermeisters ins Rathaus einen Umdenkungsprozess beim Umgang mit den Hinterlassenschaften der NS-Herrschaft im Lüneburger Stadtgebiet darstellt.

 Lüneburger VVN-BdA / AK Gedenkkultur

Eindrücke vom Besuch

Erste Fotoeindrücke

Siehe auch Aktuelles