Lüneburg, d. 18.1.2018

Stellungnahme der VVN-BdA Lüneburg zur Affäre Dr. Scharf

 

 

Nachdem inzwischen von verschiedener Seite auf das Zusammentreffen von Bürgermeister Dr. Scharf mit einem rechten Blogger reagiert wurde, geben wir als betroffene und verleumdete Vereinigung folgende Stellungnahme ab. Wir konzentrieren uns auf jene Aussagen, die uns besonders betreffen, weil wir maßgeblich bei der Planung und der Durchführung des Besuches der überlebenden Frauen aus Ozarichi/Weißrussland beteiligt waren:

 

Dr. Scharf berichtet in dem Video nicht ohne Stolz vom Besuch einer Gruppe Frauen, die das Massaker in Ozarichi als Kinder überlebten und die er als stellvertretender Bürgermeister am 11. August 2017 im Lüneburger Rathaus empfangen hatte. Er behauptet gegenüber dem Blogger, dass die Frauen kein Problem mit diesem Denkmal für die 110. Infanterie Division gehabt hätten – „es seien die Begleitpersonen, die da so ein Riesentheater drum machen“. Die Wahrheit ist: die auswärtigen Organisatoren der Reise baten uns vorab, die überlebenden Frauen des Todeslagers nicht mit einem Denkmal zu konfrontieren, das ihre damaligen Peiniger ehrt. Deswegen unterblieb selbstredend ein Aufsuchen des Denkmals am Springintgut, von dem die Frauen also auch keine Kenntnis hatten. Weiter wies der Bürgermeister darauf hin, ihm ginge es nicht um die „Schandtaten«, die da geschehen sind, sondern um Zeichen der Versöhnung. Das hätten die Frauen „kapiert“, aber nicht die Begleiter. Dr. Scharf unterstellt uns also, wir seien gegen Versöhnung. Es war das Engagement von Mitgliedern der VVN- BdA, die die Ozarichi-Überlebenden eingeladen und während ihres dreitägigen Aufenthaltes begleitet hatten und so einen Beitrag zur Versöhnung leisteten.

Die Frauen hätten ihm auch versichert, sie wüssten, dass nicht alle deutschen Soldaten Faschisten und Verbrecher gewesen seien, aber auch das „… wollten die Begleiter die nicht kapieren …“ Diese Behauptung ist so abstrus, dass darauf von unserer Seite aus nicht weiter eingegangen werden muss.

Dr. Scharf wirft uns vor, wir wollten Denkmäler abbauen. Dabei müsste er wissen, dass das Gegenteil der Fall ist. Allerdings wollen wir derartige Denkmäler und ihre Umgebung so umgestalten, dass daraus nicht nur Gedenk- sondern auch Lernorte entstehen. Bürgermeister Scharf beleidigt uns, wenn er dann schlussfolgert: „...das ist keine Geschichtsbewältigung, das ist Dummheit (…) und dann wollen die mir was von Demokratie erzählen. Da geht mir doch das Messer in der Tasche auf!“

 

Lüneburgs zweiter Bürgermeister Dr. Scharf wurde nicht in einen Hinterhalt gelockt, wie die Landeszeitung (LZ) vom 10. Januar in ihrer Überschrift suggeriert. Es waren auch nicht unglückliche und arglose Äußerungen, die er dem rechten Blogger anvertraute. Nein - Dr. Scharf, der OB Mägde zufolge ein offenes Wort schätzt, hat Klartext gesprochen und dabei seine rechte Gesinnung offenbart.

 

Der zweite Bürgermeister der Hansestadt Lüneburg diffamiert, beleidigt und bedroht mit seinen Auslassungen die Begleiter der Reisegruppe und missbraucht auf schäbige Weise die überlebenden Frauen aus Ozarichi für seine üble Geschichtsauffassung. Zur Gruppe der Begleiter gehören zwei Frauen des Kolpingwerkes, mehrere VertreterInnen der Leuphana-Universität und eine in dieser Sache sehr engagierte jüdische Frau und deren Ehemann. Außerdem lässt er jeglichen Respekt gegenüber den fünf Mitgliedern der VVN, zu der auch die 100-jährige Sonja Barthel als ehemalige Ratsfrau und direkt Verfolgte des NS-Regimes gehörte, vermissen, die diese Begegnung in Lüneburg organisiert hatten. Was für eine Tonlage von Dr. Scharf ...  Er diffamiert und beleidigt darüber hinaus aber noch sehr viele andere Menschen dieser Stadt.

 

Der OB Ulrich Mägde betont in seiner offiziellen Stellungnahme zwar, dass die Stadt Lüneburg gegenüber den Opfern des Kriegsverbrechens der 110. Inf. Div. in den Lagern bei Ozarichi eine besondere Verantwortung trägt, kündigt aber gleichzeitig an, an der gemeinsam mit Dr. Scharf vertretenen Linie in Sachen Umgang mit Denkmälern (von Dr. Scharf als „Lüneburger Linie“ bezeichnet) weiterhin festzuhalten. Er spricht verharmlosend von „… unglücklichen Äußerungen ...“  seines Stellvertreters und unterstreicht dessen sehr persönlichen Blick auf das Thema Krieg, Flucht, Umsiedlung und Vertreibung. Eine inhaltliche und öffentliche Kritik an dessen unverblümt-  rechtem Gedankengut durch den SPD Oberbürgermeister steht noch aus.

Das kann nicht sein! Der nächste Besuch einer Gruppe Überlebender aus Ozarichi ist in Planung. Undenkbar, dass dann ein Bürgermeister Dr. Scharf noch eine offizielle Funktion als Vertreter der Stadt innehat. Ein „so weiter“ mit der bisherigen Lüneburger Gedenkkultur darf es nicht geben. Die Reaktion auf das entlarvende Video und auf die unveränderte Haltung der Stadt und seiner Bürgermeister kann für uns nur sein:

 

Die Lüneburger Gedenkkultur muss von Grund auf neu gedacht werden. Die Kontextualisierung aller „Ehrenmäler“ muss in einem demokratischen Verfahren und unter wissenschaftlicher Begleitung erfolgen. In vergleichbaren Städten ist dies schon seit Jahren Praxis.

   

Einer privaten Initiative, wie in diesem Fall der „Friedenstiftung Manzke “, darf nicht länger die alleinige Interpretationshoheit über die Denkmäler, die direkt oder indirekt mit der NS-Herrschaft verbunden sind, übertragen werden.

 

Die sogenannte „Black-out Entschuldigung“ ist unangemessen und inakzeptabel. Dr. Scharf darf nicht weiter die Stadt repräsentieren. Er muss zurücktreten!

 

Für einen nächsten geplanten Besuch von Überlebenden der Todeslager von Ozarichi sollte die Stadt einen angemessenen offiziellen Empfang garantieren und die Kosten übernehmen.

 

Wir erwarten, dass Dr. Scharf seine Beleidigungen und Diffamierungen zurücknimmt und sich bei uns entschuldigt.