An die

Mitglieder des Kultur-und Partnerschaftsausschusses des Rates der Stadt Lüneburg

Mitglieder des Rates der Stadt Lüneburg

c/o die Presse

Lüneburg, d. 6.2.2018

Stellungahme der VVN-BdA Lüneburg zur geplanten Würdigung von drei Lüneburgerinnen durch die Benennung von drei Straßen im Neubaugebiet mit ihren Namen

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Kultur-und Partnerschaftsausschuss sowie der Rat der Stadt Lüneburg beschlossen auf ihren Sitzungen vom 11.9.2017/ 26.10.2017, drei Straßen im neuen Hanseviertel (Planstraßen I –III) nach den drei Lüneburgerinnen Marie Diederich, Marga Jess, Ilse Cartellieri zu benennen.

Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass bei dieser angestrebten Straßen-Namensgebung „im Dreierpack“ weniger der Gesichtspunkt des Verdienstes dieser Persönlichkeiten vorherrschte, sondern der Parteienproporz im Vordergrund stand. Jede der etablierten Parteien (SPD, CDU, FDP) wurde mit einer ihrer jeweils genehmen Persönlichkeit bedacht.

  1. Ein Verdienst um die Belange der Stadt Lüneburg durch Frau Marie Diederich (SPD) ist unbestritten. Sie war eine tapfere antifaschistische Persönlichkeit, engagiert auch bei der AWO und der sozialistischen Frauenbewegung. Marie Diedrich führte z. B. Anfang der 1930er-Jahre zum Internationalen Frauentag (8. März) gemeinsam mit Herta Alexander von der SPD-Frauengruppe Aktionen und Veranstaltungen durch unter dem Titel „Für Frieden und Sozialismus –Gegen Krieg und Faschismus!“ Sie setzte sich auf vielfältige Weise in Lüneburg gegen das rechtskonservative Umfeld für die Rechte der Frauen ein und kämpfte gegen die nationalsozialistischen Umtriebe.

Ein Verdienst um die Belange der Stadt Lüneburg und ihrer Bewohner/-innen durch Frau Marga Jess und Frau Ilse Cartellieri ist hingegen nicht zu erkennen.

  1. Bei Marga Jess handelt es sich eine Lüneburger Goldschmiedemeisterin, die wahrscheinlich ihr Handwerk sehr gut beherrschte –und es in den Dienst der Nationalsozialisten stellte. Die Kunst und Symbolsprache der Goldschmiedemeisterin war für die Selbst-und Außendarstellung der örtlichen Nazigrößen gefragt.

Frau Jess entwarf Vorlagen und lieferte „nach den repräsentativen Gestaltungskriterien ihrer Zeit“   Bürgermeisterketten (für Oberbürgermeister Wetzel mit Hakenkreuz und Nazi-Runen, in Auftrag gegeben von NSDAP-Gauleiter Otto Telschow), Leuchter (als Geschenke der NS-Größen an das Infanterieregiment 47 oder an die Lüneburger Handwerksinnungen), diverse Ringe und Schalen zur Erbauung der NS-Führungskräfte, etwa ein Geschenk der Industrie-und Handelskammer (Präsident: Burmeister, Syndikus: Mackensen) für denGauleiter Otto Telschow zu dessen 60. Geburtstag 1936.

 

Nachdem Lüneburg NSDAP-Gauhauptstadt wurde, erreichten diese Auftragsarbeiten einen solchen Umfang, dass Frau Jess mit der Produktion nicht nachkam, sie bei den Parteigrößen um Lieferungsaufschub bitten musste. Sie berichtet selber im „Niedersachsen-Stürmer“ wie ihr „ … vor allem ...nach der Machtübernahme die volle Unterstützung maßgeblicher Kreise, vor allem unseres Gauleiters und des Oberbürgermeisters der Stadt Lüneburg zuteil (wurde)“ . Bei so viel Zuwendung unterzeichnete sie ihre Korrespondenz mit den Nazi-Größen stets im Sinne der Machthaber mit „Heil Hitler!“. Ein „freundlicher“ oder auch der häufig benutzte „deutsche“ Gruß hätten es auch getan.

Frau Marga Jess‘ kunsthandwerkliche Fähigkeiten mögen unbestritten (gewesen) sein. Festzuhalten ist: Frau Jess stellte ihre kunsthandwerklichen Fähigkeiten in den Dienst der Nationalsozialisten. Sie unterstützte durch ihre Anbiederung und die öffentliche Verwendung ihrer kunsthandwerklichen Erzeugnisse das Legitimitätsinteresse der Nationalsozialisten, die zur gleichen Zeit die Lüneburger Frauenrechtlerin Marie Diederich (sowie die Mitglieder u. a. der SPD und AWO) verfolgten, bzw. deren Tätigwerden bei Androhung hoher Strafen untersagten.

Für die Benennung einer Straße mit ihrem Namen ist Frau Marga Jess daher nicht geeignet.

  1. Die Verdienste der Frau Ilse Cartellieri sieht der Kultur-und Partnerschaftsausschuss sowie der Rat der Stadt Lüneburg in ihrer Tätigkeit als FDP-Ratsmitglied, als Vorsitzende eines FDP-Frauenausschusses (beides ohne Hinweis auf eine dortige verdienstvolle Tätigkeit) sowie des Lüneburger Frauenrings.

Die hier als Verdienst-Begründung herangezogene lediglich parteiinterne Tätigkeit und „einfache“ Ratsmitgliedschaft für die FDP ist u. E. ist für eine öffentliche Ehrung mit einem Straßennamen u. E. völlig unzureichend.

Bei dem „Deutschen Frauenring“ handelte es sich um eine liberal ausgerichtete Frauenvereinigung,  deren Lüneburger Abteilung lange Jahre Frau Cartellieri vorstand. Der Lüneburger Frauenring bestand seinerzeit aus ca. 40 Mitgliedern, kümmerte sich praktisch (zweimal wöchentlich für je 2 Stunden) um Lüneburgs „Schlüsselkinder“ und theoretisch um die Förderung einer staatsbürgerlichen Bildung sowie um die Angleichung derRechte der Frau an jene des Mannes, die nach eigenem Selbstverständnis wohl Ende der 1970-er Jahre abgeschlossen war. Die LZ titelte am 12.12.1979 über die Lüneburger Gruppe rückblickend: „30 Jahre Frauenring: Rechte gesichert“ und perspektivisch: „Auf keinen Fall aber will sich der Frauenring mit spektakulären Aktivitäten der neu entstandenen Feministinnenvereine identifizieren.“ Es war das Jahrzehnt der „spektakulären Aktivitäten“ u. a. für die Änderung/Aufhebung des §-218 StGB.

Die Veranstaltungen und Kinderbetreuungsaktivitäten des Lüneburger Frauenrings in allen Ehren, aber für die Benennung einer Straße nach der Vorsitzenden dieser örtlichen Vereinigung sind diese Tätigkeiten nicht auszureichend. Mit der gleichen Begründung stünden namhaften Persönlichkeiten anderer Frauenverbände oder der Leiterin der Lüneburger Tafel, des örtlichen DRK und anderer Verbände ebenfalls Sraßennamen zu.

Ein Blick auf Politik und Umfeld der Frau Cartellieri zeigt darüber hinaus ein Bild, welches die Benennung einer Straßemit ihrem Namen geradezu verbietet:

Frau Ilse Cartellieri wurde in Berlin als Enkelin des früheren Lüneburger Oberbürgermeisters Otto Lauenstein geboren. Ihr Vater gleichen Vornamens war hochdekorierter Offizier des wilhelminischen Heeres (Generalleutnantund Adjutant von Kaisers Wilhelm II.), der dank seiner „militärischen Verdienste“ in den vererbbaren Adelsstand erhoben wurde. Ilse von Lauenstein heiratete im August 1933 in Lüneburg den aufstrebenden Dr. phil. Walther Leopold Cartellieri (Sohn eines Geschichtsprofessors), der es unter Hitler bis zum Geschäftsführer der Industrie und Handelskammer in Saarbrücken bringen sollte, was ohne NSDAP-Parteiausweis nicht möglich war. Als Oberstleutnant der Wehrmacht starb Leopold Cartellieri kurz vor Kriegsende und Frau Ilse Cartellieri kehrte nach Lüneburg zurück.

Hier knüpfte sie Kontakt zum ehemaligs hochrangigen NS-Funktionär W. Wetzel, dem Nazi-Oberbürgermeister Lüneburgs von 1936 –1945, der sich Anfang der 1950er-Jahre hier, als wäre nichts geschehen, als Rechtsanwalt niederließ. Frau Cartellieri sucht seine Nähe, bewirbt sich bei ihm um eine Anstellung, wird eingestellt und für viele Jahre seine „rechte Hand“, arbeitet ihm in seiner Anwaltskanzlei als Büroleiterin zu.3

 

Dann schließt sie sich wie ihr Arbeitgeber der örtlichen FDP an, in deren Reihen besonders viele ehemalige Nazi-Prominente Unterschlupf finden. So der ehemalige Syndikus der Industrie und Handelskammer Georg Mackensen oder Wilhelm Burmeister ( NSDAP-Kreisleiter Lüneburg, Gauinspekteur und IHK Präsident und Gauwirtschaftsberater) oder der NSDAP-Kreisgeschäftsführer Jahns sowie ihr Chef W. Wetzel, der nun in der FDP Karriere als Stadt und Kreisvorsitzender, als Bezirksvorständler und Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Rat der Stadt macht.

Folgerichtig bestritt die FDP ihren Kommunalwahlkampf 1956 u. a. mit der Forderung „Gegen die weitere Diffamierung, Entrechtung und Zurückstoßung der ehemaligen Nationalsozialisten“. Die vier Hauptakteure der Judenverfolgung beim erzwungenen Verkauf des Grundstücks und folgendem Abriss der Lüneburger Synagoge 1938, von Mackensen, Wetzel, Burmeister, Jahns, finden sich hier auf der Liste 5 der Kandidaten der FDP wieder. Politische Normalität im Lüneburg des Jahres 1956.

Frau Ilse C. wird jetzt auch Mitglied dieser FDP, kandidiert für den Rat der Stadt Lüneburg, wird viele Jahre und über mehrere Legislaturperioden hinweg deren Mitglied. Hier schließt sie sich den Forderungen, Anfragen, etc. ihres Parteifreundes W. Wetzel an, sodass sie stets öffentlich über die LZgemeinsam mit ihm genannt wird im Doppelpack als Gruppe „Wetzel/Cartellieri“. Und auch parteiintern fungiert Frau Cartellieri als rechte Hand des Altnazis: Von (mindestens) 1965 bis 1971 wirkt sie im Kreisverband als Stellvertreterin neben ihrem 1. Vorsitzenden W. Wetzel.

Für die Widmung einer Lüneburger Straße nach ihr ist die politische Persönlichkeit der Frau Ilse Cartellieri ungeeignet.

Die VVN-BdA Lüneburg empfiehlt dem Kulturausschuss und dem Rat der Stadt Lüneburg, sich des Sachverstandes Lüneburger Organisationen und Vereinigungen (wie dem Archiv der Stadt, dem Museum, der Geschichtswerkstatt, der VVN-BdA u.a.) zu bedienen und vor der Benennung von Straßennamen nach Persönlichkeiten der Zeitgeschichte diese Einrichtungen zu kontaktieren.